In meinem Alter…
Na, was kommt jetzt wohl?
Ein Artikel über das Leid der Ü30er?
Nein, keine Angst. Aus aktuellem Anlass möchte ich ein Thema aufgreifen, das
a) in meiner Altersklasse (um die 30 halt) und
b) im (Homo-)Mainstream um sich greift,
c) zu dem jede_re eine Meinung und und mancheine_r Pläne hat,
d) dessen Durchführung viel Geld kostet und einen ganzen Wirtschaftszweig hervorgebracht hat und
e) das nichtsdestotrotz einen schrecklichen Verwaltungsterminus trägt:
der Vorgang der Eingehung einer eingetragenen Partnerschaft nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz.
oder auch Verpartnerung.
Der Anlass ist, dass Freundinnen von uns am Wochenende ihre Verpartnerung feiern und uns eingeladen haben. Nein, ich schreibe nicht “Hochzeit”, denn dafür bin ich zu korinthenkackerisch! Es ist für mich die erste Feier dieser Art und ich bin gespannt, wie es werden wird. Ich habe bislang 5 Hochzeiten bzw. -feiern beigewohnt und fand das bisher eher nicht so prickelnd. Den kirchlichen Teil nicht, weil ich Atheistin bin. Aber auch die Feiern… Meistens sitzt mensch mit vielen unbekannten Leuten zusammen (and I’m not a socializer), trägt womöglich die nicht so ganz bequeme schicke Feier-Klamotte und noch unbequemere Schuhe, musste einigermaßen weit fahren und fühlt sich zerknittert und/oder verschwitzt. Und dann kommt hin und wieder noch ein Vegetarier-Problem mit dem Essen dazu, wobei wir ja in Zeiten der Buffets immer häufiger selber aussuchen können, was auf unserem Teller landet. Von Alleinunterhaltern am Keyboard sowie lustigen Spielchen unter Gästebeteiligung schweige ich an dieser Stelle aus reiner Nächstenliebe.
Das Event morgen wird sich in einigen Punkten unterscheiden, in anderen dafür (leider?) nicht. Unterschied 1: Es wird auf Sand, nämlich in einer “Indoor-Beach” gefeiert. Strandlatschen und Adiletten werden dennoch nicht die adäquate Bereifung sein, denn mindestens eine der Bräute hat vor, im Kleid zu erscheinen. Das erfuhren wir auf Nachfrage, denn wir waren uns sehr unsicher, ob eine sportliche Einlage gefragt sein würde (immerhin gibt es dort Beachvolleyball-Felder). Unterschied 2: Einen Bräutigam wird es naturgemäß nicht geben, hingegen andere Zutaten einer klassischen Hochzeit: Hochzeitszeitung und kollektives Kochbuch der Gäste. Ich bin mir mit mir noch nicht im Reinen, ob ich diese (nicht auf Lesben beschränkte) neue Spießigkeit für eine Normalisierung oder Anbiederung halten soll (s. u.)… Dass es mittlerweile diverse auf Verpartnerung spezialisierte Dienstleister gibt, überrascht nicht, schließlich geht’s um’s Geld und besteht ein gesamtgesellschaftlicher Trend zur Eventisierung. Warum sollten wir Homos da hintanstehen?
Uns Frauen wird gerne nachgesagt, unser Lebenstraum sei, in Weiß (oder meinetwegen Beige, Eierschalfarbe, Creme… whatever) vorm Altar zu stehen, und das Konzept vom “schönste Tag des Lebens” wird wohl jede_r von uns eher Frau als Mann zuordnen, also habe auch ich mir bereits im Jugendalter Gedanken darüber gemacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht heiraten wollen würde (familienseitig habe ich dafür auch nur anschreckende Beispiele gefunden!), später kam die Präzisierung “jedenfalls keinen Mann” dazu. Damit war die Sache für mich eigentlich abgehakt. Heiraten ist spießig, hingegen wurde das bisschen Lebensentwurf, das ich in petto hatte, zunehmend unkonventionell, also rückte das Thema komplett außer Sichtweite.
Dann lernte ich meine jetzige Freundin kennen und war mir schnell sicher, den Menschen gefunden zu haben, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen und alt werden möchte. Und der Gedanke an lebenslange Bindung führt wie von selbst Richtung Verpartnerung… Seitdem lese ich alles mögliche dazu, um mir ein Bild von dieser Institution zu machen.
Die Frage nach dem Grund für eine Veramtlichung der Beziehung stellt sich in mehreren Teilaspekten:
- Würde meine Freundin überhaupt wollen? Sind wir uns einig in Bezug auf die gemeinsame Lebensplanung? – Nun, an dieser Stelle könnte ich den gedanklichen Schnellhefter auch schon wieder zuklappen und mir den Rest sparen, denn: meine Freundin steht der Eintragung ablehnend gegenüber; sie wollte genau wie ich früher nie heiraten. Nichtsdestotrotz habe ich sie immer wieder geneckt mit Brautkleidkauf oder Ringeaussuchen. Und lustigerweise werde ich von Mitarbeiter_innen von Handwerksfirmen gerne mal mit ihrem Nachnamen angesprochen, da zwei Nachnamen auf dem Klingelbrett stehen, sie auf dem Auftrag der Hausverwaltung einen weiblichen Ansprechpartner stehen haben und ihnen beim Klingeln eine Frau öffnet – logische Schlussfolgerung: ich muss die Frau vom Auftrag sein und der andere Nachname gehört dem Mann im Haushalt. Diese Selbstverständlichkeit nervt mich, gegen ihren Namen habe ich aber nichts. Übrigens bin ich mir beim zweiten Teil der Frage sicher, dass wir uns einig sind. Nur der Vollständigkeit halber
- Will ich meine Partnerin stärker an mich binden, in der Hoffnung, dass das Risiko des Verlassenwerdens sinkt? – Wo nicht genug Vertrauen oder Treue (sofern Exklusivität vereinbart ist) vorliegt, hilft ein gemeinsamer Familienname sicher nicht. Das ist also kein Argument.
- Will ich (mehr) gesellschaftliche Anerkennung erreichen? – Gegenfrage: Was ist die Anerkennung wert, wenn gleichgeschlechtlichen Paaren nicht dieselben Rechte eingeräumt werden (vgl. Wikipedia sowie die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage der Grünen, via queer.de)? Gäbe es in Deutschland die gleichgestellte Homo-Ehe wie z. B. in den Niederlanden, Kanada u. a. m. (vollständige Liste), fiele der für mich kritikable Punkt der Ungerechtigkeit weg. (Und zumindest beim Ehegattensplitting ist bereits etwas in Bewegung.) Es bliebe dennoch der Teilaspekt, ob wir uns einen Gefallen tun, wenn wir die Anerkennung durch Anpassung an den Mainstream zu erbetteln versuchen. Nach dem Motto: Ich bin ein guter Schwuler/eine gute Lesbe, denn ich bin so verheiratet, vulgo: normal wie du! Oder anders formuliert: Geordnete Verhältnisse und alles prima. Nein, das ist für mich kein Grund, auch wenn ich sonst eine Verfechterin der homosexuellen Sichtbarkeit bin. Wenn schon unkonventionell und von Teilen der Gesellschaft nicht anerkannt leben, warum dann nicht in “wilder Ehe”? Oder muss es jetzt “wilde Verpartnerung” heißen? So langsam wird’s offensichtlich absurd!
Kommen wir zu den praktischen Fragen:
- Wollen wir Kinder? – Hintergrund: Eine Adoption eines fremden Kindes ist für gleichgeschlechtliche Paare nicht erlaubt (sondern nur Einzelpersonen), Verpartnerte können allerdings das leibliche Kind der Partnerin/des Partners adoptieren. Da bei dieser Frage unter uns jedoch kein Konsens herrscht, ist dieser Grund derzeit (noch) keiner.
- Was ist mit Krankheits- oder Erbfall? – Etwas, womit junge, gesunde Menschen sich ja nicht ganz so gerne auseinandersetzen… Und wozu wir, seitdem wir lange genug zusammen sind (und den Schritt des Zusammenziehens gewagt haben), tatsächlich noch nicht gekommen sind. Dass wir einander finanziell nach Möglichkeit unterstützen wollen, ist klar; aber bei ärztlicher Auskunft oder Erbanspruch reicht eine Willenserklärung leider nicht aus. Zwar kann ein Testament aufgesetzt werden, aber die Verwandten erster Ordnung erhalten dennoch den Pflichtteil, solange das Paar nicht eingetragen ist. In meinem Fall macht das keinen Unterschied, da ich keine entsprechenden Verwandten mehr habe, bei meiner Freundin sieht das anders aus. Resümierend bleibt zu sagen, dass wir dieses Argument noch nicht gemeinsam diskutiert haben, um herauszufinden, ob es stark genug ist, die obigen Kontra-Punkte auszugleichen.
Nett formuliert hat ihre Bedenken übrigens auch Manuela Kay, nachzulesen hier.
Mein Resümee ist für heute, denn Sichtweisen und Prioritäten dürfen sich ändern: solange das so schrecklich heißt, brauche ich das nicht! ![]()
Ich werde berichten, ob die hautnahe Erfahrung einer Verpartnerung daran etwas ändert. Denn natürlich akzeptiere ich die Entscheidung des Paares und wünsche ihnen alles Gute. Das hätte ich allerdings auch so getan – ohne Verwaltungsakt.
